Fakultät der Gestaltenkunde


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Danzig – Oliva, März 1945

Das eingeschlossene Danzig war voll mit Flüchtlingen. Zivilbevölkerung aus Ostpreußen und Pommern, unterschiedliche Militäreinheiten, Militärtrosse die Stationierten wo es gerade Platz gab und wie es gerade ging. Die Russen plagten diese unnatürliche Menschenansammlung durch Angriffe vom Boden und aus der Luft.
Mein Vater wohnte damals am Pelonkerweg Nummer 71 (wenn ich mich richtig erinnere), in der Kurve, nah bei der Einmündung der Zimmerstraße. 1945 war er elf Jahre alt, und hat sich zusammen mit seinem älteren Bruder, am liebsten bei in dieser Gegend liegenden Militärtrossen aufgehalten.
Eines Tages erlebte mein Vater auf dem Gelände des heutigen Marinekrankenhauses seinen ersten Luftangriff.
Es war ein schöner, sonniger Tag. Mein Vater stand in einer Baumallee, zugeparkt mit Pferdefuhrwerken und unterhielt sich mit den Soldaten. Man sprach gerade darüber wo die Soldaten herkommen und was sie auf ihren Wagen haben, als plötzlich mit ohrenbetäubendem Gebrüll der Motoren vom nahen Wald her zwei tief fliegende, russische Jabos auftauchten. Innerhalb einer Sekunde brach drum herum die Hölle los. Den Knäuel aus Menschen, Pferden und Gerät durchpflügten MG-Garben und einen Augenblick später fielen die Bomben. Mein Vater, den Ernst der Lage überhaupt nicht erfassend, hockte sich Instinktiv hinter einem der Bäume hin die diese Allee säumen und schaute interessiert dem unheimlichen Schauspiel, das sich vor seinen Augen abspielte zu. Explosionen, Splitter, Geschrei, Panik. Durch den Knall der explodierenden Bomben hindurch hörte er einen lauten, dumpfen schlag gegen den Baum hinter dem er hinhockte. Das alles dauerte nur Sekunden und sie Flugzeuge verschwanden so schnell wie sie auftauchten. Sie hinterließen eine fürchterliche Masse in einander verkeilter, um sich tretender Pferde, verletzter und toter Menschen, Geschrei, Gestöhne, Rauch und Feuer. Er saß wie gelähmt hinter dem Baum, und beobachtete die Versuche, die Lage wieder runter Kontrolle zu bringen. Menschen liefen in Panik umher, drum herum der saure Gestank von Ammoniak, vor schmerz wahnsinnige Tiere versuchen, die eigenen Innereien in Serpentinen hinter sich herziehend, zu flüchten. Er schaute, und einen Anblick wird er bis an sein Lebensende nicht vergessen: wie ein Soldat, wie ein Kind weinend, mit Pistolenschüssen die durch Splitter verletzten Pferde erlöste.
Als der erste Schock vorbei war stand mein Vater auf und schaute neugierig die andere Seite des Baumes an hinter dem er hockte. Im Stamm steckte, die mit großer Wucht hinein gerammte Leitflosse einer russischen Bombe. Genau in der Höhe des Kopfes des dahinter hockenden Jungen.
Nach diesem Ereignis ist die Familie des Vaters zusammen mit Nachbarn und Bewohnern benachbarter Häuser in einen soliden Flakbunker gezogen, den die deutschen Eigentümer im eigenen Garten gebaut haben.
Dort hatten sie in den nächsten Tagen und Wochen viele, dramatische Augenblicke noch zu durchstehen (die Frontkämpfe fanden auch im Garten statt), den Einmarsch der roten Armee und endlich die Mühsal des Überlebens in der grausamen Wirklichkeit hinter der Front. Dieser Bunker existiert bis heute, von den neunen Eigentümern zu nicht näher bekannten friedlichen Zielen von der Art Champignonzucht oder ähnliches genutzt. Als Jugendlicher habe ich diesen Bunker, damals ein halb zugeschütteter, von Menschen vergessener Ort, erforscht, und dort etliche Andenken an dieser Grauenvollen Tage gefunden.

Olaf
Übersetzt von: virt.Prof. Alter Schotte

10 September 2004 (pl)
12 Oktober 2005 (de)
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